Yekaterinburg

Die ersten Tage liegen nun hinter uns. Moskau war, wie 2010 bereits festgestellt, wunderschön! Wir sahen den Kreml mit seinen Sowjetsternen in voller Pracht, konnten den militärischen Aufmarsch an der Gedenkmauer der unbekannten gefallenen Soldaten aus dem II. Weltkrieg bestaunen, uns von der Basilika Kirche beeindrucken lassen und auch das Lenin-Mausoleum begehen. Die Zwiebeltürme der Basilika stechen aus dem Stadtbild besonders schön hervor. Auch beindruckte uns, dass sämtliche Treppenstufen, Wände und Fußböden komplett mit Marmor verkleidet sind. Die Rohstoffe des Landes glänzen hier in ihrer vollen Pracht.
Das komplette Stadtbild verzauberte uns mit seinen Häusern im Zuckerbäckerstil. Viele kleine Spitzen, Zacken, goldene Kügelchen und andere Ornamente ragen in den Himmel, als ob sie gerade frisch für ein Lebkuchenhaus zu Weihnachten gemacht wären.

Nach 3 Tagen Aufenthalt ging es dann mit dem Nachtzug, bekannt als Transsibirische Eisenbahn, nach Yekaterinburg. Im Zug schlossen wir viele neue Bekanntschaften und lernten die Brauchtümer der Russen kennen.

Zuerst waren wir in unserem Viererabteil noch allein. Philipp und ich hatten oben zwei Betten, welche klein, aber ausreichend waren. Ich konnte mich darin lang machen und sehr gut schlafen, Philipp musste mit seiner 1,98 m Körperlänge Kopf und Beine einziehen.

Dennoch empfanden wir den 27 stündigen Aufenthalt als sehr angenehm. Versüßt wurde uns die Fahrt mit frischer Bettwäsche, Hausschuhen, einer Zahnbürste inklusive Zahnpasta, einem frischen Handtuch, einem Hauptgericht (Hühnchen oder Schwein standen zur Auswahl) und ständig heißem Wasser für Tee. Auch konnten wir ständig problemlos unsere Elektrogeräte, wie Laptop oder Kamera, aufladen.

Nachdem wir dann im Zug feststellten, dass wir vergessen haben unsere erste Unterkunft in Yekaterinburg zu buchen, war unsere größte Sorge Internet zu bekommen. Da wir keine russische Handynummer haben, ist der Fall für uns aussichtslos (hier muss man für WLAN fast immer seine Handynummer hinterlegen und bekommt dann einen Sicherheitscode per SMS – aber nur auf russische Nummern).

Ich beschloss also all meine Russischkenntnisse anzuwenden und fragte aus einem Mix aus gebrochenem Russisch, etwas Englisch und verschiedensten Gestiken und Mimiken, ob unsere Waggon-Nachbarn Internet hätten. Die Antwort war negativ, im Wald habe man doch kein Internet! Stattdessen wurde uns ein nettes Gespräch angeboten und wir lernten Mischa und seinen Freund kennen. Beide waren sehr nett und Mischa lud Philipp sofort zum Bier in das Bahn-Restaurant ein. Anscheinend ist es hier eher so, dass die Männer auch nur die Männer zum Trinken mitnehmen, bzw. animieren, denn dieser Fall, dass nur Philipp gefragt wurde, ist uns öfters in der Transsib untergekommen. In der Zeit während Philipp mit Mischa im Zug-Restaurant war, konnte ich mich zurück ziehen und die Ruhe und die Landschaft genießen. Hier sieht man rechts und links heraus fast durchgängig nur Birkenwälder und Kieferngehölzer. Ab und an sind zwischen den Wäldern kleine Straßen zu entdecken, welche zu Datschen führen. Datschen kennen noch die ehemaligen DDR-Bürger ganz gut. Das sind kleine Gartenhäuschen, welche auch als Wohnhäuser genutzt werden. Es sind hier in der Regel sehr bunt bemalte Holzhäuschen mit einem Wellblechdach.

Manche sind baufällig, manche werden gerade neu aufgebaut. Vor jeder Datsche ist ein kleinerer oder auch größerer Garten mit Blumen und einem Gewächshaus zu entdecken. Es ist idyllisch und beruhigend zugleich. Doch wohnen wollen würde ich in diesen kleinen Häuschen nicht. Die Anbindung an Wasser, Strom, Abwasser, Straßennetz und die grundsätzliche Versorgung ist nämlich hier draußen nicht immer garantiert und für manche sogar generell gar nicht möglich.

Die Weite des Landes, in die man schauen kann, wirkt beeindruckend. In Deutschland sucht man eine solche Weite eher vergebens. Es ist eine ganz neue, aber doch nicht so fremde Landschaft, denn die Pflanzen sind letztendlich die gleichen, wie in der Heimat. Es wirkt auf mich beruhigend und entspannend.

Meine Stille im Waggon hielt nicht all zu lange an, denn in der nächsten Station stiegen Maxx und Anton zu. Tja, da saß ich nun – Philipp im Restaurant, ich mit zwei Russen auf 4 m² und keiner hat den anderen verstanden. Die beiden waren aber sofort sehr nett und aufgeschlossen. Wir versuchten uns zu verständigen und als sie merkten, dass ich sie verstehe, wenn sie langsam russisch sprechen, klappte es auch einfacher mit der Verständigung. Zu meinem Glück kamen dann aber auch Philipp und Mischa wieder. Ich stellte die Fahrgäste gegenseitig vor und hoffte auf eine angenehme Atmosphäre. Doch das erste was passierte, war, dass mich Anton rausschickte, weil er sich umziehen wollte. Das kam mir sehr komisch vor. Ich wollte eigentlich gar nicht raus gehen, ging dann aber doch aus dem Abteil – all unsere Papiere, unser Geld, unsere Sachen waren noch da drin. Philipp war auch mit draußen vor verschlossener Tür.

Wir hofften darauf, dass unsere Sachen nicht durchwühlt werden, denn wie sollten wir uns verständigen und sagen, dass wir beklaut wurden, wenn keiner unser gebrochenes Russisch hören wollte und Englisch keiner verstand?

Doch alles ging gut. Typisch, dass man sich erst einmal nur schlechte Gedanken macht. Lediglich aus Höflichkeit verlässt man dann den Raum, denn auf den Toiletten im Zug möchte man sich nicht umziehen ?. In diesem Falle musste ich halt mal raus. Maxx und Anton wurden schließlich zu sehr angenehmen Kumpanen. Sie luden Philipp direkt zum Cognac trinken ein, boten uns Fisch an und versuchten sich bestmöglich mit uns zu unterhalten. Wir waren sehr froh, beide hatten anscheinend etwas Englisch gelernt, denn sie verstanden uns recht gut. Mein gebrochenes Russisch wurde immer besser und mir fielen immer mehr Wörter ein, die ich doch irgendwann einmal lernte. Auch Philipp hat hervorragende Fortschritte mit der russischen Sprache gemacht!

Es war sehr amüsant und wir lernten einander immer besser kennen. Maxx und Anton waren Ingenieure und kamen aus Sarapul. Sie hatten zwei bzw. ein Kind und waren schon öfters in Europa im Urlaub. Daher kamen dann auch die Englischkenntnisse. Zwischen unseren Gesprächen floss immer wieder Cognac und schließlich auch Bier. Sie meinten, das beste Bier kommt aus Sarapul und wenn sie morgen aussteigen reichen sie Philipp eines zum Verkosten in den Zug. Leider haben wir aber ihren Ausstieg verschlafen und konnten uns nicht mal richtig von den beiden verabschieden. Wir haben sie auf die Kürze der Zeit sehr lieb gewonnen und waren froh auch mal mit jemanden reden zu können, der uns etwas verstand…

Auf unserer Zugfahrt haben wir auch Mischa verabschiedet. Er hat auf der Fahrt für seine Verlobung Geld gesammelt und hatte dafür eine Spardose in Form eines kleinen Klohäuschens dabei. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber doch ganz keck. Ihm steckten wir dann etwas Geld zu. Er wollte es lieber in Euro haben, weil er dies als Erinnerung schöner findet. Also bekam er von uns 10 Euro und 30 Cent – alles was wir in Kleingeld in Euro dabei hatten.

Nachdem wir alle verabschiedeten, bekamen wir schließlich einen neuen Kollegen. Sein Name war Rais. Er ist Direktor am Theater in der Stadt Neftekamskaja. Mit ihm haben wir weitere schöne Stunden verbracht, in denen wir viel über die Natur Russlands, über Rais Stadt und sein Leben kennenlernten. Auch er lud uns ein, seine mitgebrachten Speisen mit zu verzehren. Bei den Äpfeln aus seiner Datsche und den leckeren Keksen konnten wir schlecht nein sagen ? .

Rais half uns schließlich ein Hotel in Yekaterinburg zu bekommen. Er lies uns zusammen mit ihm am Bahnhof in Yekaterinburg abholen und vermittelte uns ein Zimmer im Hotel, wo er auch untergebracht war. Es war alles ein bisschen Retro im Hotel. Man kam sich vor, wie um 1960/ 1970 und und suchte ein bisschen nach der Schönheit des Hotels, die uns Rais versprach. Aber was soll´s, das spielt alles keine Rolle wenn man sonst doch gar nichts gehabt hätte. Schließlich schliefen wir in dem Hotel eine Nacht und machten uns dann auf in die Stadt Yekaterinburg. Hier bestaunten wir die Kirche des verflossenen Blutes. Der Platz, an dem einst die letzte russische Zarenfamilie im Keller umgebracht wurde. Unvorbereitet wie wir waren, kam ich in kurzen Hosen und Top an, Philipp ebenso in kurzen Hosen. Da wir aber anscheinend nicht die ersten waren, denen es so ging, standen große Kisten bereit, in denne Kopftücher und Röcke zur Auswahl standen. Ich warf mir also mein Halstuch über Kopf und Schultern und lieh mir einen der Röcke aus. Bei mir war das alles kein Problem…aber Philipp musste seine Beine auch bedecken. Also ging er mit einem Rock über die Beine in die Kirche – lieber aussehen wie ein Schotte, als mit nackten Knien und Waden die Kirche betreten. Problem war aber auch hier Philipps Größe. Denn so wirklich mehr als seine Hose hat hier kein Rock bedecken können…

Die Kathedrale auf dem Blut (siehe Titelbild) ist atemberaubend prächtig ausgeschmückt. Alles ist in Gold, mit heiligen Bildern und Schriften sowie Ornamenten verziert. Auch die Geschichte der letzten Zarenfamilie Russlands ist dargestellt. Denn sie wurde auf dem Platz errichtet, wo eins die letzte russische Zarenfamilie ums Leben gebracht wurde.

Nach dem Besuch der Kathedrale ging es weiter in einen nahegelegenen Park. Auch hier kamen uns einige Kirchen über den Weg. Diese sahen ebenso toll aus und auch hier mussten wir uns wieder bedecken. Glücklicherweise standen auch hier Kleidungsstücke zur Auswahl.

Wie liefen schließlich den kompletten Stadtkern Yekaterinburgs ab. Als Fazit mussten wir feststellen, dass Yekaterinburg schöne Bauten aufweist, davon aber einige frisch renoviert werden müssten. Auch sind einige baufällige Häuser noch bewohnt und Hinterhöfe der Stadt sehen alles andere als einladend aus. Wenn eine Straße oder ein Gehweg Schäden aufweist, wurde dies nicht sogleich, wie in Moskau, repariert. Es dauert ein Stück, bis hier etwas erneuert wird. Mit unserem Englisch waren wir in Yekaterinburg aufgeschmissen. Die Leute verstehen fast ausschließlich nur Russisch und sind nur teils gewollt in gebrochenem Russisch zu helfen. Am meisten beeindruckt hat uns nach den Kirchen das Jelzin Zentrum und seine umliegende Parkanlage. Hier waren wunderschöne Blumen zur Schau gestellt, Figuren aus Gras aufgestellt und weitere Attraktionen, wie ständige Hochzeiten, usw. zu sehen.

Wir fanden die Stadt nicht schlecht, große Attraktionen oder Sehenswürdigkeiten neben den Kirchen gibt es aber nicht wirklich. Wir waren froh uns dazu entschieden zu haben nur eine Nacht in Yekaterinburg zu verweilen, denn mehr Zeit hätten wir nicht benötigt. Da Yekaterinburg aber auch ein Austragungsort der Fußball WM 2018 ist, wird sich in der Stadt aber sicherlich noch einiges ändern und bis dahin verschönert haben. Beispielsweise wird momentan das Bahnhofsgebäude erneuert, Straßen werden gebaut und Häuser neu angestrichen.

Wir nahmen am Ende unseres Tages schließlich unsere Rucksäcke und machten uns auf in Richtung Bahnhof. Da wir noch etwa vier Stunden Zeit hatten, genehmigten wir uns eine Portion Pelmeni. Mmmmm lecker…!
Nachdem wir am Bahnhof noch klären mussten, wann unser Zug nun endlich kommt, konnten wir uns dann auch endlich in Richtung Bahnsteig aufmachen. Denn das mit den Zugzeiten ist in Russland aufgrund der Zeitverschiebung nicht so einfach. In Yekaterinburg sind wir bereits 2 Stunden später, als nach moskauer Zeit. in Krasnojarsk, wo wir nun hin wollten, ist es noch später. Die Frage stellt sich nun – welche Zeit wird auf den Zeittafeln dargestellt? Da das anscheinend schon immer Verwirrung stiftete, wurde irgendwann einmal festgelegt, dass immer die moskauer Zeit ausschlaggebend ist. Egal wo man die Tickets kauf, einsteigt oder aussteigt, es wird sich immer nach der moskauer Zeit gerichtet. Das war eine neue Erfahrung für uns, wodurch wir beim Ticketkauf auch immer überlegen mussten, wann wir dann nach unserer Ortszeit abfahren bzw. ankommen, da wir ja nicht nachts im Bahnhofsgelände oder auf der Straße sein wollten. Wir fanden schließlich unseren Zug, unseren Waggon Nummer 6 und unsere Plätze 22 und 23. Mein Schlafgemach war oben im Doppelstockbett und Philipps war unten. Mit uns stieg in unser Abteil, auf Platz 21 noch ein Mann ein, welcher den russischen Vorurteilen im Zug voll und ganz gerecht wurde. Er brachte abends, um 22:18 Uhr nach yekaterinburger Zeit (20:18 Uhr nach moskauer Zeit) gleich noch zwei Passagiere aus dem Nachbarabteil mit und sie tranken was das Zeug hielt. Anzubieten gab es Vodka, Cognac und Bier. Die Tassen aus denen getrunken wurde, waren alles andere als sauber. Normalerweise sind wir bei lustigen Abenden mit Schnaps und Bier gern dabei. Aber unter diesen Umständen mussten wir dankend ablehnen. Wir fühlten uns alles andere als wohl. Unsere drei russischen Freunde stanken nach Zigaretten und Schnaps, hatten Haare wie fünf Tage nicht gewaschen, von dem Geruch, der aufkam, wenn sie ihren Arm hoben, will ich gar nicht erst anfangen und sie husteten und niesten was das Zeug hielt. Das gesamte Erscheinungsbild war alles andere als angenehm. Doch was soll´s – hier mussten wir nun durch.

Es ist nun leider einmal so, dass man manchmal Glück und manchmal Pech hat. Während wir auf unserer ersten Zugfahrt von Moskau nach Yekaterinburg absolutes Glück mit unseren Nachbarn hatten, haben wir das jetzt halt weniger. Es war nicht so schlimm, die Schaffnerin musste unser Abteil „nur drei Mal ermahnen endlich ruhig zu sein, keinen Alkohol zu trinken und die deutschen Touristen in Ruhe zu lassen“. Gegen 24:00 Uhr hatte dies dann auch Erfolg. Wobei ich eher glaube das lag an den zwei Flaschen Schnaps und den Flaschen Bier und nicht an den Ermahnungen… Uns war das aber egal. Denn endlich konnten wir die Türen öffnen und lüften. Der Gestank verflüchtigte sich etwas. Denn normalerweise darf man in den Waggons der Transsibirischen Eisenbahn keinen Alkohol zu sich nehmen. Aber wenn man die Abteilungstüren schließt, kann die Schaffnerin nicht sehen was passiert und es wird dennoch getrunken.

Zu unserem Glück konnten wir uns aufgrund der Nachtruhe dann auch aus den Themen unserer drei neuen Bekanntschaften flüchten. Im Gegensatz zu dem was wir vorher gelesen hatten, wurden hier nur die No-Go-Themen angesprochen, wie Politik, historische Ereignisse oder Freundschaften bzw. Feindschaften zwischen verschiedensten Ländern. Die Männer waren bei ihren Gesprächen unanständig. Sie rückten uns immer näher auf die Pelle und nur weil Philipp kein russisch spricht, sollte ich ihm eine auf den Hinterkopf hauen. Ich war froh, dass das die Männer nicht gleich selber gemacht haben – und ich habe es natürlich auch nicht gemacht. Die folgende Nacht war jedenfalls ganz entspannt. Keine Zwischenfälle und nur noch 26 Stunden Zugfahrt mit den drei Stinkdisteln zu überleben. Aber man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Es ging weiter – aber diesmal glücklicherweise nicht in unserem Zimmer. Das einzige, was in unserem Zimmer war, war der Fisch, welchen sie sich draußen am Bahnhofsstand eines Zwischenhalts holten. Der schmorte nun in der Sonne vor sich hin und fing langsam an zu kochen. Zum Glück war alles verpackt, sonst hätte ich den gleich aus dem Fenster geworfen…

Die restliche Zugfahrt verging ganz angenehm. Zum Trinken trafen sich die drei immer nebenan und nur zum Rausch ausschlafen kam unser Zimmernachbar vorbei. Der Alkohol wirkte auf ihn glücklicherweise recht beruhigend und er hat viel geschlafen. Wir kamen schließlich gut in Krasnojarsk an, haben uns freundlich verabschiedet und konnten das Kapitel dieser Zugfahrt hinter uns schließen.

<– vorheriger Beitrag Moskau nächster Beitrag Krasnojarsk –>

Krasnojarsk

Moskau

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.